Online Schachclub beim Millenium Hybrid Masters (MHM)

Seit Veröffentlichung der ‚FIDE Online Regulations‘ im Januar 2021 sind erst wenige Monate vergangen. In dem Papier legt die FIDE Regeln auch für Hybrid Turniere fest. Diese Art von Schachturnieren werden an mehreren, zentralen Veranstaltungsknoten unter Schiedsrichterbegleitung gespielt.

Obwohl diese Turnierform bereits in 2021 mehrfach veranstaltet wurde, stellt das Millenium Hybrid Masters, das mit dem neuen Supreme Tournament 55 Turnierboard (E-Board) gespielt wird, ein Novum dar. Erstmals können Hybride Mannschaftsturniere komplett am Brett und nicht mehr nur am Bildschirm online gespielt werden. Letzteres erforderte ein ständiges hin- und herschwenken vom Brett zum Bildschirm und vice versa.

 

Während des MHM sind die sechs teilnehmenden Mannschaften bei den Spielen der fünf Turniertage jeweils über eine Videokonferenz zusammengeschaltet. Das Turnier wird über die bisher einzige Schiedsrichter-untersützte Online Plattform ‚Tornelo‘ ausgertragen. Die teilnehmenden Mannschaften am MHM 2022 in der Übersicht (Stand nach der 2. Runde):

Die Spielgemeinschaft SG Werder Bremen / Online SchachclubBremerhavener Schach-Gesellschaft (kurz: SG Werder OSG) kam auf Wunsch des Bremer Verbandsvorsitzenden Dr. Oliver Höpfner zustande, dem hierfür unser Dank gebührt.

Die für das Turnier notwendige Kommunkation zwischen den Spielern und Schiedsrichtern bzw. zwischen Schiedsrichtern und Hauptschiedsrichter wird über die Tornelo Chat Funktion (im Screenshot unten rechts) sowie über Whats App sichergestellt.

Besonders erfreulich ist, dass mit den Schachfreunden Berlin und Werder Bremen zwei Bundesligavereine Ihr Interesse am MHM bekundeten. Mit der quasi als Landeskader angetretenen Mannschaft des Niedersäschischen Schachverbandes übernahm eine weitere sehr starke Mannschaft gleich die Führung.

Vorort ist jeweils an allen Spielorten ein Tornelo Schiedsrichter im Einsatz. Im Bild links oben sehen wir das SG Werder OSG Team im Bremer Vereinslokal mit den Spitzenspielern, dem Deutsche Pokalsieger 2021, Jonathan Carlstedt (Brett 1), Thomas Müller (Brett 2) und Olaf Steffens (Brett 3), hier nicht im Bild.

Patrick Schulz (Brett 4) spielte Runde 2 unter Videoüberwachung vom heimischen Hagen aus. Als Tornelo Schiedsrichter verfolgte Autor des Artikels, Peter Frei (Online Schachclub) das Match über die Videokonferenz aus Bremerhaven. (Screenshot ganz unten rechts als Kleinbild).

Erste Aussagen der Teilnehmer deuten darauf hin, dass das haptische Spielerlebnis, das den gestandenen Schachspielern beim Online Schach fehlt, beim MHM besser nachempfunden werden kann. Lediglich der gegnerische Zug muß beim Millenium Brett vom Spieler händisch ausgeführt werden. Die Uhr wird, wie unten gezeigt, am Bildschirm verfolgt. Auch Schiedsrichterfunktion erfordert – falls benötigt – eine Bedienung am Laptop. Für den IT Overhead wird bei einer Grundbeenkzeit von 90 Minuten ein Zeitbonus von 30 sec je Zug gewährt. Die eigene und gegnerische Mannschaft freilich können als Vorteil ökologisch, ohne Anfahrt im jeweils heimischen Spiellokal aufspielen.

Der folgende Screenshot illustriert wie eine Tornelo-Partie, die am Bildschirm dargestellt wird. In diesem Beispiel wurde ein Schiedsrichter zu Hilfe gerufen und eine unklare Stellung korrigiert. Auch die Tornelo-Uhren sind halbrechts gut zu erkennen.

Der Wettkampf in Runde 2 gegen Kastellaun endet nach einigen Wirrungen freundschaftlich 2:2.

 

Hier geht es zu den Partien der SG aus Runde 2 auf Tornelo: Carlstedt, Müller, Steffens und Schulz.

Jonathan Carlstedt spielt souverän und gewann seine Partie sicher. Oliver Müller erkämpfte mit überragender Zähigkeit, die wahrscheinlich nur durch die Materialeigenschaften von Carbyne übertroffen werden kann, ein Remis.

Von besonderer Dramatik war die Partie Steffens – Michels an Brett 3, in der es ein Damenopfer zu bestaunen gab.

Das Diagramm zeigt die Stellung der Partie nach dem 21. … fxSe6. Stockfish bewertet die Stellung mit +3.1. (Zeit 17:46 zu 20:40). Nach König 22. Kb1 stände Weiß weiter auf Gewinn (+3,5).

Hier feilte Olaf Steffens 14:00 Minuten am folgenden Damenopfer und spielte 22. Txg5. Die tiefsinnige Kombination hatte leider ein Loch hat. Bei genauem Spiel führt die Abfolge zu einer ausgeglichenen Stellung. Es folgt zunächst die zwangsläufige Abspiel 22. … Tc8, 23. Txg7+ Kf8, 24. Sc7 Lxc7 25. Tdg1 … (Zeit: 03:19 19:28)

Bis hierher hatte Weiß gerechnet, übersah aber die überraschende Zugfolge 25. … Lxf4 25. Dc5+!, die zu ausgeglichenem Spiel geführt hatte. 

Aber Schwarz greift daneben und spielte 25. … Le5 (Zeit 02:37 18:47). Die nächsten Züge sind zwangsläufig und führen zu einem verlorenen Endspiel für Schwarz. Es folgte: 26.  Lxe5 TxDc4+ 27. Kd1 Dh4 28. Ld6+ De7 29. Tg8+ K7 30. T1g7+ Kf6 (01:40 10:03). Bewertung Stockfish +7,3.

In dieser gewonnenen Endstellung lief die Uhr des Weißen nach 01:40 einfach ab, ohne dass ein Zug ausgeführt wurde. Offensichtlich hatte die Technik dem Weißen einen Streich gespielt. Die Abwicklung ist zwangsläufig und leicht zu finden: 31. Lxe7+ Txe7 32.  Txe7 Ke7 33. Txg7+ Kf6 34. Txg7 … und Weiß gewinnt das Turmendspiel mit drei Mehrbauern problemlos.

                               Steffens – Michels nach möglicher Abwicklung bis zum 34. Zug

Man muss festhalten, dass es ein Ziel des MHM ist, Erfahrungen für einen allgemeinen Hybrid-Spielbetrieb mit E-Boards zu sammeln. Nach einigen Stellungnahmen beider Seiten zum Fall entschied Hauptschiedsrichter Bernhard Riess im Einvernehmen aller Parteien auf remis. Der Zweikampf SG Werder OSB – Kastellaun endete damit 2:2.

 

Ein weiterer Artikel zum Spiel findet sich hier: https://www.werder.de/schach/aktuell/informationen/news/2022/svw-20220120-jk-1-1-1/

 

                                                                       

Nachtrag aus Runde 1

Bereits zwei Wochen zuvor, am 09.03., stand die 1. Runde des MHM Turniers auf dem Programm. Leider ging der Wettkampf der SG Werder OSB gegen die Niedersächsische Kaderauswahl mit 0:4 verloren. Aufgrund technischer Anlaufschwierigkeiten konnten die Partien erst gegen ca. 20:00 gestartet werden.

Hier geht es zu den Partien der SG aus Runde 1 auf Tornelo: Held, Schat, Adaschkiewitz und Schulz.

Patrick Schulz, der für Bremerhaven an Brett 4 der SG spielte, hat sich im Laufe des Turniers zu einem Experten für die Tornelo & Millenium Technologie entwickelte. Nur so konnte manches Problem, dass sich während des Turniers stellte, rechtzeitig entschärft werden.

Gegen einen Gegner mit 825 DWZ Punkten mehr wehrte er sich heftig und hielt Stellung bis zum 35. Zug ausgeglichen, verpasste dann aber das mit 36. La6 mögliche Remis, spielt 36. c6 und verlor. 

                                                                        Schulz – Pubantz

                                                           Stellung vor dem Verlustzug 36. c6

Die Partie endete schließlich nach 67. Zügen. Kurz vor Mitternacht machten sich die letzten Beteiligten nach Abbau des umfangreichen Equipments auf den Nachhauseweg. Trotz des deutlichen Ausgangs eine ansprechende Teamleistung.

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